Kein Rebhuhn und kein Wiedehopf mehr im Hegau. Aufrüttelnder Vortrag von Prof. Dr. Rainer Luick bei der Mitgliederversammlung

Kein Rebhuhn und kein Wiedehopf mehr im Hegau. Aufrüttelnder Vortrag von Prof. Dr. Rainer Luick bei der Mitgliederversammlung

Eine recht stattliche Anzahl von Mitgliedern konnte der neue Präsident des Hegau-Geschichtsvereins Manfred Sailer zur diesjährigen Hauptversammlung begrüßen. Bei der Totenehrung gedachte er auch dem früheren Engener Heimatgeschichtsforscher und Stadtarchivar Alfred Gschlecht, der das letzte lebende Gründungsmitglied des Hegau-Geschichtsverein war.

In seinem Geschäftsbericht zog Vorsitzender Wolfgang Kramer ein durchweg positives Resümee über das Jahr 2018. Die 52(!) angebotenen Veranstaltungen waren durchweg gut besucht, die Exkursionen meist ausverkauft, keine Veranstaltung musste wegen Teilnehmermangels abgesagt werden. Ein solch großes und vielfältiges Programm, das kaum ein regionaler Geschichtsverein im Land anbietet, ist für viele der Grund, diesem „Singener Verein“, wie Bürgermeisterin Ute Seifried in ihrem Grußwort betonte, beizutreten und ihre nähere Heimat kennenzulernen und sich über sie fundiert zu informieren. In einer Zeit, in der Vereine aller Sparten über einen Rückgang der Mitgliederzahl klagen, konnte der Hegau-Geschichtsverein seine Zahl fast halten, mit 1127 hat er nur ein Mitglied weniger als 2017.

Kramer kündigte ein neues Buch zum Thema „Natur“ in der Reihe „Kunstschätze“ an, das der Verein in 2020 herausbringen möchte. Darin sollen die Naturschätze des Hegau beschrieben, aber auch auf die Gefahren eingegangen werden, die dieser Kulturlandschaft von vielen Seiten drohen und gegen sich der Verein schon seit Jahren wendet, wobei er strikt auf Überparteilichkeit achtet.

Auf großes Interesse stieß das neue Mitgliederprojekt, das Schriftführer Dr. Franz Hofmann vorstellte. Bei ihm werden die Mitglieder aufgefordert mit ihren Digital- oder Handykameras, die bauliche Struktur und vor allem deren Veränderungen in den Städten und Dörfern des Hegau zu dokumentieren. Die Fotos werden digital langzeitgespeichert und stehen dann der Geschichtsforschung und anderen Stellen zur Verfügung. Der Auftakt für diese Aktion findet am Donnerstag, 9. Mai, um 18.00 Uhr im Rathaus Singen statt.

Bei den Neuwahlen wurde der gesamte Vorstand für vier weitere Jahre bestätigt: Wolfgang Kramer als Vorsitzender, Sibylle Probst-Lunitz als 2. Vorsitzende, Bernd Eisenhardt als Schatzmeister und Dr. Franz Hofmann als Schriftführer.

Mit sehr starkem Beifall wurde der Vortrag von Prof. Rainer Luick zu Thema „Was ist Natur – was ist Kultur?“ am Beispiel des Hegau aufgenommen. Mit seinen recht drastischen Bildern präsentierte er das, was der Bürger gemeinhin als Inbegriff von „Natur“ versteht, wie den Wald, der aber in Wahrheit bis auf einen verschwindenden Prozentsatz aus „Kultur“ besteht, weil er von Menschenhand in den letzten 200 Jahren geschaffen wurde.

Die Tourismusverbände der Region bewerben den Hegau als unberührte Natur- und Paradieslandschaft. Doch die Realität ist eine andere, wie der Biologe und Ethnologe Luick ausführte: Auch im Hegau gehen vom Großteil der offenen Kulturlandschaften kaum noch positive ökologische Effekte aus. Sie sind zu „ökologischen Wüsten“ geworden und keine Lebensräume mehr für die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Das ist auch in den Landschaftsschutzgebieten und sogar in vielen Naturschutzgebieten der Fall.

Mit Eschrecken nahm die große Zuhörerschaft in der Stadthalle Singen den Rückgang von Vogelarten im Hegau in den letzten 30 Jahren auf – also in einer Zeit, in der Umweltschutz und Naturschutz ganz oben in den Programmen aller Parteien standen.

Komplett ausgestorben sind im Hegau seit 1980 Vogelarten wie z.B. Rebhuhn, Brachvogel, Braunkehlchen, Wiedehopf, Grauammer, Baumpieper, Rotkopf- und Raubwürger, Heidelerche, Berg- und Waldlaubsänger. Bei anderen, wie der Feldlerche, ging der Bestand von sicher über 5000 Brutpaaren auf kaum noch 100 zurück. Selten geworden ist auch der Streuostwiesen liebende Wendehals, der um 1980 noch mit über 200 Brutpaaren vorkam, heute sind es kaum noch 10.

Bei den Amphibien, also Fröschen, Kröten, Lurchen, sei ein Rückgang im Hegau von bis zu 90 % bezogen auf die Biomasse zu verzeichnen. Dramatisch ist auch der Rückgang an Insekten, die nicht nur wichtige Nahrungsgrundlage sind, sondern auch für die Landwirtschaft wegen der Bestäubung ein unersetzlicher Produktionsfaktor ist.

In seinem Vortrag verstand es der Referent, auf die die Faktoren hinzuweisen, die heute unsere Kulturlandschaften gestalten, und er benannte auch Ursachen, warum die biologische Vielfalt so drastisch abgenommen hat. Als Hauptnutzer, Gestalter und Problemverursacher nannte er die Landwirtschaft, sie sei in die Pflicht zu nehmen, die Luick aber auch als Spiegelbild für das Verhalten von uns allen sieht. Wie wir essen und was wir einkaufen und was wir bereit sind, für gute Lebensmittel auszugeben. Unsere direkte Umgebung und unsere Kulturlandschaft zeigen uns das Ergebnis. Ausgespart hat der Referent auch nicht den Blick in das häusliche Umfeld, wo Steinwüsten aus grauem Granit und schwarze Folien zunehmend das Bild bestimmen, „Gärten des Grauens“ nennt sie Luick.

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